12. August 2026
Praxistest Leapmotor B10 Dynamic: Viel Auto fürs Geld
Auch wenn der Konzern bereits über ein breites Elektro-Portfolio verfügt, hat Stellantis mit der Beteiligung an Leapmotor einen Glücksgriff getan. Das chinesische Start-up für Elektroautos hat sich in Deutschland recht rasch einen Namen gemacht. Die Zulassungszahlen stiegen im ersten Halbjahr um 366 Prozent auf 2662 Fahrzeuge. Im Juni erreichte die junge Marke einen Marktanteil von 0,9 Prozent. Eine weitere gute Idee ist die Kooperation für Sondermodelle mit Irmscher. Nach dem i C10 kommt nun der auf 500 Stück limitierte und auf einer Plakette in der Mittelkonsole durchnummerierte B10 Dynamic. Und der macht nicht nur optisch eine gute Figur. Hier gibt es viel Auto fürs Geld.
In Weiß mit schwarzen Zierstreifen, Irmscher-Schriftzug und schwarzen 19-Zoll-Leichtmetallfelgen sowie dem nochmals spezifischeren Dachspoiler hebt sich der immerhin drei Zentimeter tiefergelegte B10 Dynamic wohltuend vom üblichen SUV-Einerlei ab und fällt durchaus auf. Und damit sind wir auch schon gleich beim Fahrwerk. Dem Editionsanspruch „dynamisch“ wird es leider nicht ganz gerecht. Zwar wurde, wie gesagt, die Karosserie abgesenkt, aber offenbar blieb die Dämpferabstimmung unangetastet. So dürfen sich Familien und Langstreckenreisende weiterhin über einen erfreulich hohen Fahrkomfort selbst auf Kopfsteinpflaster freuen, sportlich ambitioniertere Naturen stoßen bei schnellen Richtungswechseln aber rasch an Grenzen: Der B10 beginnt unmissverständlich zu schaukeln.
Das war es dann aber auch schon. Ansonsten lässt sich das 4,52 Meter lange Kompakt-SUV so gut wie nichts zuschulden kommen. Dass wir an einer Ladesäule gleich mit voller Leistung loslegen können, ist bei vielen anderen Fahrzeugen eher die Ausnahme als die Regel. Insofern sammelt der Leapmotor B10 hier schon einmal erste Punkte. Die 150-kW-Säule von Aral gönnte dem Elektro-SUV tatsächlich zu Beginn gleich 149 Kilowatt, wobei der Wagen theoretisch sogar noch einmal fast 20 kW mehr aufnehmen könnte. Das passt also schon einmal. In zehn Minuten landeten so 15,7 kWh in der Batterie.
Und auch wenn Leapmotor sich dem allgemeinen Bedientrend mit möglichst wenigen Tasten und zwei Joystick-Kugeln im Lenkradkranz anschließt, ist die Menüführung im großen Zentraldisplay so gut wie selbsterklärend und nicht mit großer Sucherei verbunden. Das betrifft selbst die per Fingerstrich in Zehn-Prozent-Schritten zu öffnende Sonnenblende des großen und über 1,25 Meter langen Panoramadachs. Auch der Öffnungswinkel der elektrischen Heckklappe lässt sich zwischen 20 und 100 Prozent einstellen, wobei eher der obere Bereich wegen heimischer Garagenhöhen der entscheidende ist. Allerdings muss man beispielsweise für das Einstellen der Außenspiegel ebenfalls den Touchscreen bemühen.
Notfalls hilft auch die Sprachassistenz weiter, die die Klangzonen „Fahrer“ und „Beifahrer“ kennt und der sich auch sagen lässt, wie lange eine Sprechpause dauern darf (10, 15, 20 Sekunden; Abschalten auf Befehl). Sollte die Helferin dennoch einmal Hörschwierigkeiten haben, meldet sie sich mit freundlichen Sätzen wie „Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden. Bitte drücke es anders aus“ oder „Ich verstehe nicht, was Sie sagen. Bitte sagen Sie es auf einfachere Weise“. Ist alles erledigt, verabschiedet sich die Stimme mit: „Ich ziehe mich zurück. Wecken Sie mich, wenn Sie mich brauchen.“ Neben Deutsch versteht die Sprachhilfe bei Bedarf übrigens auch Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch sowie – Achtung – brasilianisches Portugiesisch.
Nur die Suche nach der Geschwindigkeitsregelanlage kann für Neulinge zur Sisyphus-Aufgabe werden: Der Stockhebel für die Fahrtrichtung muss in der Einstellung „D“ noch ein weiteres Mal nach unten gezogen werden. Die Veränderung des Tempos erfolgt dann wiederum über die linksseitige Kugeltaste. Und wer danach noch zweimal am Hebel zieht, der aktiviert dann auch die automatische Spurzentrierung. Daran muss man sich erst etwas gewöhnen.
Gleiches gilt für das Ausschalten des Fahrzeugs. Es bleibt auch in der Parkposition betriebsbereit. Erst wer den B10 von außen verriegelt, stellt auch die Elektronik ab. Weitere Umgewöhnung: Ver- und entriegelt wird der Leapmotor per Chipkarte an einem Sensor am linken Außenspiegel. Für den Startvorgang kommt die Karte dann in ein Fach in der Mittelkonsole. Begrüßt wird der Fahrer dabei mit einer etwas eigenwilligen Startbildschirm-Animation im Zentraldisplay: Sie zeigt ein rotierendes Raumschiff im All, das auf die Erde zusteuert. Was soll uns das sagen?
Ebenso eigenwillig sind die löcherigen Aussparungen in der unteren Dashboardkante. Sie sehen zwar schick aus, haben aber keinerlei Funktion. Hier wäre eine Aussparung als Ablage deutlich sinnvoller gewesen. Dafür bietet die Mittelkonsole zwischen den belüfteten und guten Halt bietenden Liege-Vordersitzen dank des Lenkstockhebels jede Menge Platz. Das gilt ebenso für den Fond, wo für ein Fahrzeug dieser Größe beinahe fürstliche Verhältnisse herrschen, und sowohl für die Bein- als auch – trotz des Panoramadachs – für die Kopffreiheit. Ungeachtet der Verstellelektrik finden auch die Füße noch genug Raum unter den Vordersitzen. Die Ladefläche misst bei umgeklappten Rücksitzlehnen rund 1,75 Meter.
Das Fahrerinformationsdisplay ist sehr gut durch das Lenkrad hindurch ablesbar, was ja durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr im Automobilbau ist. Die 360-Grad-Kamera stellt das Fahrzeug sowohl aus der Vogelperspektive als auch in Fahrtansicht beim Abbiegen jeweils im Röntgenblick dar. Die Lenkung, die Bremsenergierückgewinnung und die Beschleunigungsstärke lassen sich jeweils dreistufig an die persönlichen Vorlieben anpassen. In der stärksten Rekuperationseinstellung schafft der B10 fast, aber nicht ganz One-Pedal-Driving.
Mit 70 kW (95 PS) Nenn- und 160 kW (218 PS) Spitzenleistung bewegt sich auch der Irmscher-B10 auf dem Niveau der anderen Ausführungen. Das sind im Elektrozeitalter keine Sportwagenwerte, reichen aber natürlich für flottes elektrotypisches Beschleunigen allemal, wobei der „Sport“-Modus hier tatsächlich noch einmal eine Schippe drauflegt. Und 170 km/h sind in dieser Klasse für ein E-Auto ebenfalls ein ordentlicher Wert. Der Spurverlassenswarner arbeitet aufmerksam und erfreulich unaufdringlich und ist in dieser Hinsicht bislang einer der angenehmsten, die wir kennen. Auch die fein dosierbaren Bremsen wissen zu gefallen.
Leapmotor nennt bis zu 434 Kilometer Reichweite bei vollem Akku. Bei 70 Prozent geladener Batterie wurden uns 300 Kilometer Aktionsradius gemeldet, bei 80 Prozent 345 Kilometer und bei 35 Prozent immer noch rund 150 Kilometer. Der Verbrauch lag im realen Alltag mit 18,1 kWh nur unwesentlich über der Normangabe von 17,3 kWh und in einem erfreulichen Bereich. Mit 55 Prozent Akkukapazität legten wir rund 160 Kilometer zurück.
39.000 Euro ruft Leapmotor für den B10 Dynamic auf. Das ist ein attraktives Angebot. Wer sich das Sportfahrwerk und die speziellen Irmscher-Design-Elemente spart, bekommt den B10 mit allen anderen Merkmalen der Ausstattungsstufe sogar schon für 4600 Euro weniger. Das ist angesichts des Gebotenen nahezu konkurrenzlos.
Daten Leapmotor B10 Dynamic
Länge x Breite x Höhe (m): 4,52 x 1,89 x 1,66
Antrieb: E-Motor, RWD
Leistung: 160 kW / 218 PS
Max. Drehmoment: 240 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 7,5 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 17,3 kWh
Batteriekapazität: 67,1 kWh
WLTP-Reichweite: 434 km
Testverbrauch: ca. 18,1 kWh
Leergewicht / Zuladung: 1845 kg / 435 kg
Kofferraumvolumen: 431–1102 Liter
Max. Anhängelast: 750 kg
Preis: 39.000 Euro
(Quelle: Jens Riedel, aum)
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