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19. Juni 2024

Fahrbericht Lucid Air Pure RWD: Hightech aus dem Silicon Valley

Lucid, selbsternannter Pionier für Luxus-Elektrofahrzeuge, erweitert mit dem neuen Air Pure RWD seine Modellpalette nach unten. Die neue Heckantriebsvariante der Modellreihe eröffnet für 85.000 Euro den Einstieg in die Welt des Unternehmens aus dem kalifornischen Silicon Valley. Das Unternehmen hat bisher zwar gerade 15.000 Automobile auf die Straße gebracht, hat jedoch große Ziele und einen potenten Geldgeber im Hintergrund. Der saudische Staatsfonds ist der größte Anteilseigner und sichert die Zukunft des Start-ups.

Die Lucid-Geschichte beginnt im Jahr 2007 im Silicon Valley mit dem ehrgeizigen Ziel, „das beste Auto der Welt für die Welt zu bauen“. Das Ergebnis ist die seit 2023 produzierte Baureihe Air, die jetzt auch in Europa auf den Markt rollt. „Europa“, so ein Markensprecher, „ist für uns die Champions-Liga.“ Um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen, übernahmen die Verantwortlichen die im Silicon Valley üblichen flachen Hierarchien, so dass die Entwickler vom Design bis zur technischen Basis eng zusammenarbeiten und so Reibungspunkte vermieden werden. Vom Antrieb über die Batterie bis zur Software wird alles in Kalifornien entwickelt. Gemeinsam arbeiten die Lucid-Entwickler an einer Mission: „Wir blicken optimistisch in die Zukunft für Elektrofahrzeuge und glauben fest daran, dass ihre zunehmende Verbreitung ein wichtiger Schritt ist, um die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren“, erklärt Unternehmenschef Peter Rawlinson. Produziert werden die Modelle in Arizona.

Lassen wir die Frage, ob es so etwas wie ein „bestes Auto der Welt“ überhaupt geben kann, beiseite und steigen in den Lucid Air Pure RWD. Der Mensch hinter dem Lenkrad erkennt schnell, dass dieses Automobil seine Wurzeln in der Region rund um San Francisco hat, wo analoges Denken der Vergangenheit angehört. Tasten und Schalter waren gestern, heute werden die Einstellungen über den Bildschirm gesteuert, dazu gehört zum Beispiel auch das Verstellen der Spiegel. Im Gegensatz zu anderen Modellen der digitalen Zeit lassen sich die gewünschten Funktionen allerdings ohne lästiges Stolpern von Untermenü zu Untermenü leicht finden, und nach einer kurzen Einweisung beherrscht auch der noch immer in der analogen Epoche lebende Zeitgenossen die Suche nach den verschiedenen Einstellungen über den Monitor.

Im Innenraum überrascht der Lucid mit seinen feinen Materialien und der Verarbeitung, die man so in einem in den USA produzierten Modell nicht erwartet. Die Sitze bieten hohen Komfort, und auch der Seitenhalt ist gut. Allerdings vermisst der Fahrer in einer Limousine mit hohem technischen Anspruch das Head-up-Display, das offensichtlich dem mit 200 Litern rekordverdächtig großen vorderen Kofferraum zum Opfer gefallen ist. So geht der Blick immer wieder nach rechts auf den Bildschirm, um zum Beispiel der Navigation zu folgen. Das Gepäckabteil im Heck fasst noch einmal 627 Liter.

Mit 4,98 Metern Länge ist der Air Pure großzügig dimensioniert, und entsprechend einladend ist auch der Raum für die Passagiere im Fond. Einmal in Fahrt folgt die zweite Überraschung neben der guten Verarbeitung. US-amerikanische Limousinen gehören nicht unbedingt zu den fahraktiven Vertretern ihrer Gattung. Der Air Pure mit Heckantrieb lässt sich hingegen durchaus dynamisch bewegen und bleibt dabei angenehm gelassen. Bei einem Vormittag auf einem Testzentrum des österreichischen Automobilclub ÖAMTC zeigt die zwei Tonnen schwere Limousine ihre Fähigkeiten, deren Grenzen vor allem vom Talent des Menschen hinter dem Lenkrad gesetzt werden. Mit diesen Eigenschaften könnte der Lucid durchaus in der Champions League mitspielen.

Dank eines cw-Wertes von 0,297 gehört die Limousine zu den angenehm leisen Vertretern ihrer Art. Das Fahrwerk mit seinen adaptiven Stoßdämpfern verschweigt die Unebenheiten der Fahrbahn, die Lenkung arbeitet präzise, und auch die Bremsen packen bei Bedarf kräftig zu. Die Rekuperation schont beim Verzögern die Bremsen und speist zusätzliche Energie zurück in die selbstentwickelte 88 kWh große Batterie. Der 325 kW (442 PS) starke Motor beschleunigt den Zweitonner in 4,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100, und bei 200 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Den Verbrauch gibt Lucid mit 13 kWh an, und nach einer Testfahrt von München nach Kitzbühel meldete der Bordcomputer 14,2 kWh. Kein schlechter Wert für ein so großes Auto. Als Reichweite verspricht Lucid maximal 747 Kilometer, und in 20 Minuten können laut Hersteller 400 Kilometer an einer 210 kW leistenden Ladestation geladen werden.

Die Technik hat offensichtlich auch andere Hersteller beeindruckt. Der elektrische Aston Martin wird daher mit Lucid-Technik auf den Markt rollen, und auch andere Autobauer sind an einer Partnerschaft interessiert, „wir können aber noch nicht sagen, wer das sein wird“, erklärt ein Markensprecher.

Und was kommt nach der Air-Baureihe? Im kommenden Jahr wird Lucid mit dem Gravity ein großes SUV auf den Markt rollen, das bereits auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellt wurde. Im Jahr 2027 wird die Marke mit einem Modell, das um 50.000 Euro kosten wird, sein Angebot nach unten ausweiten. „Darunter planen wir kein weiteres Modell“, fügt das Unternehmen hinzu.

Daten Lucid Air Pure RWD

Länge x Breite x Höhe (m): 4,98 x 1,93 x 1,41
Radstand (m): 2,96
Antrieb: Elektroantrieb
Gesamtleistung: 325 kW / 442 PS
Max. Drehmoment: k.A.
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 4,7 Sek.
Elektr. Reichweite: 747 km (WLTP)
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 13 kWh
CO2-Emissionen: 0 g/km (WLTP)
Leergewicht / Zuladung: min. 2070 kg/k.A.
Preis: 85.000 Euro

(Quelle: Walther Wuttke, cen)